Agoraphobie – die Angst vor der Angst

Wenn man sein Leben, durch die Hochsensibilität, auf einmal Rückwärts versteht, dann ist es nicht verwunderlich, dass man auch mal mit nicht so leichten Dingen wie der Agoraphobie, kämpfen muss.

Daher hole ich noch einmal meinen Artikel vom Januar 2016 hoch.

Aber was ist Agoraphobie eigentlich?

Die Angst vor der Angst.

Ein psychisches Problem?!

Einbildung?

*

Herzrasen, weiche Knie, zittrige klitschnasse Hände, die beim abwischen an der Hose sogar Flecken hinterlassen.

Keine Einbildung.  Eine Reaktion des Körpers.

Sterne sehen, während sich das Blickfeld verdunkelt.

Es dreht sich alles. Ohnmachtsgefühle.

Dein Herz springt gleich aus der Brust.

Ein stummes NEIN! in dir.

Übelkeit, die aufsteigt.

Deine Beine sind so wackelig, das du denkst, du kippst gleich um.

Panik.

Weil du weißt, du musst gleich raus.

*

Das ist die Angst vor der Angst.

In einer meiner Schwangerschaften hat es mich knallhart erwischt.

Ich wusste nicht was mit mir los war, es war der Horror.

Es wurde von Tag zu Tag schlimmer.

Bin ich dann raus, bekam ich direkt wieder Panik.

Nur so schlimm, dass ich nicht mal mehr in einer Einkaufsschlange stehen konnte, ohne das Gefühl zu haben alles stehen und liegen zu lassen um endlich rausrennen zu können.

Ein ganz widerliches Gefühl.

Ein Engel und ein Teufel, die im Kopf kämpfen.

Soll ich durchhalten?

Ich bin gleich dran.

Nur noch 2 Kunden vor mir.

Geh raus, du schaffst das nicht.

Merkst du nicht die Panik in dir?

Deine Hände zittern wie bei einem Alkoholiker auf Entzug, was sollen die Leute denken?

Was sollen sie denken, wenn ich jetzt gehe.

Sei stark, du schaffst das!
Nein bloß raus hier!!!

*

„Geschafft! Das war das letzte Mal das ich einkaufen gehe.

Oder nur noch zu Zeiten, wo keiner da ist. Dann gehe ich so lange durch den Laden, bis die Kasse frei ist. Das schaff ich nicht noch mal … 3 Leute vor mir, 5 hinter mir.

Was ist, wenn mir was peinliches passiert?

Sie werden mich auslachen.“

Und wieder kam die Panik.

„Mit dir stimmt was nicht! Das ist doch nicht normal. Kein Wunder, du bist nicht normal. Dein ganzes Leben lang wurdest du niedergemacht, das ist jetzt der Beweis dafür!“

Andere sind dann für mich einkaufen gegangen, ich konnte das nicht mehr.

Ich konnte auch nicht mehr in die volle Stadt.

Auf Spielplätze.

In einen Bus.

Auf Geburtstage.

Selbst im Auto.

Überall, wo mehr als 2 Menschen waren.

Wenn ich diese nicht mal kannte, suchte ich nach Wegen, diese Situationen zu meiden.

Kann man im Bus einfach den Notgriff ziehen, um raus zu kommen?

Es war so schlimm, dass ich schon zuhause anfing zu weinen, weil ich Angst hatte, Angst zu bekommen.

Hab ich mich überwunden, war sie nach 5 Minuten wieder da – die Panik.

Erbarmungslos, wie ein Monster.

Ihr war es egal, dass ich Kinder habe.

*

Psychologe

*

Ich erzählte und erzählte, und wie sollte es anders sein … es ist immer die Mutter schuld. Wie bei allen anderen Problemen im Leben. Man kann es sich auch einfach machen.

Gebt eurer Mutter die Schuld, und das ist die Lösung des Problems.

Ich habe 4 Kinder, dass wird ja später lustig ^^

Nein aber Spaß bei Seite.

Ich musste mir da selber raus helfen.

Meine Psychologin hat leider komplett versagt, also habe ich mich selber analysiert.

Ein schwerer Weg.

Ich habe mich – weil ich musste- meinen Ängsten gestellt.

Ich wollte so nicht weiterleben.

Ich las von Menschen, die es nicht mal schafften – aus der Haustür raus, zum Briefkasten.

So wollte ich nicht enden.

Ich war jung, ich war voller Leben – jetzt Jahrzehnte lang eingesperrt leben? Da draußen lauern keine Gefahren. Sie sind in meinem Kopf.

Reiß dich zusammen!

Ich habe meine Ängste in Treppenstufen zugeordnet.

Ganz oben stand der Bus.

Ich habe jede Stufe erklommen, immer und immer wieder.

Es gab Rückschläge, es gab Erfolge, es wurde besser!

Als ich vor der letzten Stufe stand, kam sie wieder, die große Panik.

Was ist, wenn ich versage?

Fang ich wieder von vorne an?

In allem was ich tat; beim einkaufen, auf dem Weihnachtsmarkt, im Wartezimmer – ich bestätigte mich selber darin. Ich hab es geschafft. Die Panik konnte ich unterdrücken. Irgendwann war sie weg. Ich dachte gar nicht mehr dran.

Dann werde ich die letzte Stufe auch schaffen.

Und ich habe sie geschafft.

*

Heute

*

Jetzt denke ich voller Grauen an diese Zeit zurück.

Das Schlimmste was mir damals passieren konnte war, dass meine Lieben mich dabei unterstützt haben. Nein nicht mich, meine Panik haben sie unbewusst unterstützt.

Sie waren für mich einkaufen.

Haben Termine abgesagt.

Ich durfte zuhause bleiben.

Und das hat alles noch viel schlimmer gemacht.

Das Feuer geschürt, sozusagen.

Der Gang zur Psychologin war mehr als peinlich.

Aber doch irgendwie hilfreich, auch wenn ich mir da selber raus geholfen habe.

*

Du

*

Dir geht es auch so?

Du kennst jemanden, der sich in Ausreden flüchtet, nur um nicht raus zugehen?

Bitte unternimm‘ etwas dagegen!

Es kann dir dein Leben kaputt machen, dich einsperren, dir die Führung nehmen.

Nur du schaffst es, da raus zu kommen.

Kämpfe. Sei stark. Für dich und deine Lieben.

Gib nicht auf, es sind viel mehr davon betroffen als du denkst.

*

arforaphobie

Fast 1,5 Jahre nach diesem Beitrag…

Ich habe in den letzten Monaten viel über mich gelernt. Ich habe entdeckt das ich Hochsensibel bin und daher mehr als die meisten nachdenke. Ich denke zuviel, daher war es ein leichtes Spiel für so eine Erkrankung.

Vllt kennst du es? Ich habe seitdem weitere Artikel über Hochsensibilität geschrieben:

Hochsensibilität – vom anderen Stern

Über ADHS und Hochsensibilität

Die fabelhafte Welt der Hochsensiblen

8 Comments

  1. Hallo, du schreibst mir aus der Seele. Ich bin noch nicht lange auf deiner Seite und jetzt beim durchschauen traff es mich im Magen wie mit einem Blitz, das Wort AGORAPHOBIE ! Oh ja ich kenne das nur zu gut, dieses Gefühl *Angst vor der Angst*! Jedes einzelne Wort könnte von mir sein, ich kann es nur bestätigen *kämpft kämpft kämpft……………* , es lohnt sich. Das Leben ist viel zu schön um aufzugeben, ich werde weiter kämpfen. Ich will das Leben mit meiner Familie genießen können, und nicht mit meinem Erzfeind Angst jede Minute verbringen.
    Man muss an sich glauben und auch wenn es noch so schwer fällt, sich seinen Ängsten stellen.

    Ich finde es toll dass du so offen damit umgehst, denn leider werden diese Themen zu gerne verschwiegen. Danke dafür!

  2. Sehr schöner, mutmachender Beitrag!
    Liest man leider viel zu selten.

    Allerdings habe ich einen klitzekleinen Einwand…
    Agoraphobie ist häufig auch eine Begleiterscheinung von Posttraumatischen Belastungsstörungen.
    Und da kämpfen die Betroffenen nicht allein gegen die gegenwärtigen Angstsymptome, sondern auch gegen ihre Vergangenheit und ihre negativen Erfahrungen.

    Da muss an ganz anderer Stelle mit dem Bearbeiten und Trainieren begonnen werden, sonst scheitert auch die 100. Busfahrt 😉

    Das wollte ich nur nochmal erwähnen, damit sich Leserinnen Deines tollen Beitrags nicht hochmotiviert in den nächsten Bus stürzen und sich hinterher über ihr Versagen ärgern müssen.

  3. Hut ab meine Liebe, es erfordert viel Kraft und ich freue mich sehr, dass du schon so viel geschafft hast. Und natürlich auch den Mut darüber öffentlich zu sprechen, leider ist es in der Gesellschaft immer noch sehr schwierig. Bzw fehlen vielen Menschen einfach die nötige Empathie und Verständnis, um viele seelische Probleme zu akzeptieren. Dabei ist darüber zu sprechen sehr wichtig. Ich schenke dir viel Kraft und mach weiter so. LG

  4. Ich finds toll, daß Du dich da alleine wieder rausgeholt hast, aber durch deiner unfähigen Psychologin im Text, könnten andere Betroffene den Eindruck gewinnen, alle Psychologen sind unfähig-versucht es lieber alleine. Ich hatte z.b. einen super Psychologen und mit seiner Unterstützung (denn letztendlich ist man immer selbst die Person, die da alleine durch und raus muß), wieder den Weg ins Leben gefunden.

    Bunte Grüße Jeannette

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