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Brief an alle Eltern – Kindheit 2017

Hallo Du, begleite mich doch ein Stück durch mein Leben.

 

Baby

Ich bin ganz neu hier. Fühle mich total geborgen bei meiner Mama und meinem Papa. Die beiden habe ich schließlich schon gehört, als ich bei Mama im Bauch war.

Die beiden kenne ich.

Sie sind immer da. In unserer kleinen Welt, bei uns zuhause.

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Mama ist immer da.

Ich liebe mein Leben. Meine Mama sorgt sich immer um mich auch wenn es mir nicht gut geht, und auch, wenn sie nicht immer weiß, was ich habe. Sie versucht immer ihr Möglichstes. Das muss nicht immer richtig sein, denn wichtig für mich ist eigentlich nur, dass sie sich Zeit für mich nimmt – dann wenn ich nach ihr Schreie.

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Leider muss mein Papa die meiste Zeit arbeiten, so sehe ich ihn erst Abends und Nachts, immer dann, wenn ich schlecht geschlafen, oder wenn ich Hunger habe, manchmal gibt auch er mir die Flasche, das find ich lustig, denn manchmal schläft er dabei ein. Danach kann ich wieder mit meiner Mama und ihm kuscheln.

Es ist doch echt schön, wenn man sich immer auf jemanden verlassen kann, oder?

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Was ist Geld?

Leider merke ich, dass Mama immer mehr unter Druck steht, denn „das Geld wird knapp“, sagt sie.

Ich weiß nicht was das bedeutet, denn ich brauch es nicht, glaub ich. Ich brauche nur essen, trinken und sie, um glücklich zu sein. Sie sagt, Geld braucht man, um Sachen zu kaufen. Das ganze neue Spielzeug was sie immer anschleppt meint sie wohl, aber damit kann ich gar nicht wirklich was anfangen. Meistens spiele ich einmal damit, damit sie lächelt und nicht traurig ist, wieder Geld für mich ausgegeben zu haben. Ich glaub, Mama braucht und kauft das eher für sich?

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Mama – Kind Treffen

Auch wenn wir zu den Mama und Kind Treffen gehen, dann steckt sie mich immer in die neuesten Sachen, ganz oft schimpft Papa mit ihr, weil sie wieder „zu viel Geld für Mist“ ausgegeben hat. Sie sagt dann: Aber das kleine ist schon wieder rausgewachsen.

Das stimmt nicht immer ganz.

Bei den Treffen darf ich mich nicht schmutzig machen. Ich hab öfter ein Feuchttuch  im Gesicht, als ein Stück Apfel in der Hand.

Aber auch meinen Freunden geht es so. Nur einer darf spielen und toben so wie er möchte. Er darf klettern und überall hin – und ich hab auch schon mal gesehen, dass er in der Pfütze saß und das er Sand gegessen hat. Fand seine Mutter lustig, die anderen Mama’s haben dann so komische Grimassen gemacht (er sagt übrigens, dass das nicht schmeckt).  Sie reden auch nicht oft mit der Mama. Ich finde sie toll, sie ist so ruhig, wischt nicht ständig an ihrem Baby rum oder zupft die Klamotten zurecht. Ich würde gerne öfter mit dem Kind spielen, aber …sie sind „nicht unser Niveau“ sagt Mama. Weiß einer, was das ist?

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Mama sagt auch, dass ich nun ein Jahr alt bin und ich bald in die Krippe gehe – und fragt, ob ich mich denn schon freue.

Woher soll ich das Wissen, ich kenn das doch gar nicht. Aber wir werden schon Spaß haben.

Mama und ich.

Krippe

Dann kam der Tag und ich fand es ganz schlimm. So viele neue Kinder, die geweint haben, so viele Erwachsene, die mich einfach genommen haben und meine Mama weggeschickt haben.

Ich fühl mich allein gelassen und bin traurig. Ein großes Kind sagt zu mir, dass ich mich daran gewöhnen muss, das ist jetzt halt so, da müssen alle durch – das hat er von seiner Mama gelernt.

Was ich noch nicht wußte: Ich werde meine Mama erst ganz spät wieder sehen. Ganz viele Kinder sind traurig, sie haben alle an diesem Tag ihre Mama verloren.

Die Erzieher geben sich ganz dolle Mühe, sie spielen, malen und basteln mit uns. Lesen uns Bücher vor und bauen mit uns hohe Türme. Das ist meistens lustig, wenn alle mitmachen.

Aber es gibt auch Kinder, die sind ganz dolle wütend und hauen mich und die anderen einfach. Manchmal sehen das die Erzieherinnen nicht und wissen nicht warum ich dann weine. Manchmal muss ich auch warten, bis sie mich trösten können.

Wir sind aber auch ganz schön viele Kinder, und nur 3 Erzieher.

Meine Mama hatte immer Zeit für mich.

Warum gibt es eigentlich nur so wenige Erzieherinnen?

 

Wenn wir gegessen haben gehen wir schlafen. Das ist doof, denn ich vermisse meine Mama, mit der will ich dann kuscheln.

Angst

Ob meine Mama wieder kommt? Jeden Tag hab ich Angst, sie vergisst mich, ist sie ja immer so lange weg. Sie muss arbeiten, sagt sie, auch weiß ich nicht, was das ist, haben wir doch immer so viel Spaß zusammen gehabt. Ob sie jetzt allein zuhause spielt? Macht sie bestimmt, denn sie kauft momentan immer mehr Sachen „für mich“. Mein ganzes Zimmer ist voll, aber richtig spielen kann ich damit nicht, ich habe keinen Platz mehr.

Und auch kaum noch Zeit.

 

Ein anderes Kind hat seine Mama im Kindergarten.

Es geht wohl nicht anders, sagen die Erwachsenen und verdrehen die Augen. Sie sagen, sie haben dafür keine Zeit, also muss die Mutter da halt durch.

Das Kind sitzt die ganze Zeit auf ihrem Schoß und hält sich ganz doll fest. Das ist bestimmt ganz traurig.

 

Da hilft es auch nicht, das wir ab und zu mal hin gehen und mit ihm spielen wollen.

Kindergarten

Das große Kind hatte recht, es ist lustig im Kindergarten. Es macht mir Spaß, aber auch nicht immer. Manchmal möchte ich einfach sofort wieder zu meiner Mama.

Ich bin immer traurig, wenn meine Erzieherin mit mir schimpft, oder möchte dass ich etwas mache, worauf ich aber keine Lust habe. Auch kann ich nicht immer kuscheln gehen, wenn ich das möchte. Es ist schon doof, dass sich die Erzieherinnen so teilen müssen. Mit mehreren wäre es bestimmt toller.

Dann könnte ich auch raus, wenn ich das möchte. Wir dürfen nur zu einer bestimmten Uhrzeit raus, das find ich blöd, es bringt auch nichts die Spielzeuguhr zu verstellen.

Immer gibt es Regeln. Aber wenn ich doch jetzt in den Sandkasten möchte, dann versteh ich nicht, warum das nicht jetzt geht. Später hab ich vielleicht  gar keine Lust mehr dazu?

Was darf ich wo?

Ich muss auch ganz oft überlegen, was ich wo machen darf. Ganz oft darf ich Sachen zu Hause nicht machen, die ich im Kindergarten machen darf.

Und meine Freunde dürfen Sachen machen, die ich aber nicht darf.

Manche machen sie einfach und bekommen keinen Ärger, aber wenn ich das mache gibt es ganz doll schimpfe.

Manchmal lachen sie, manchmal gibt’s böse Blicke.

Manchmal weiß ich gar nicht, wo ich was machen darf.

Alle haben andere Regeln; Mama und sogar Papa, Oma und Opa, meine Erzieherin, meine Turnlehrerin und die Mamas von meinen Freunden.

 

Endlich wieder zuhause…

Wenn meine Mama mich abgeholt hat, dann gehen wir meistens einkaufen, dann kochen wir und dann spielen wir noch etwas. Aber nie so lange, wie im Kindergarten, oder wie früher.

Das find ich doof, denn ich liebe es mit meiner Mama und meinen Papa zu spielen, aber sie sagen, sie müssen noch dies und das machen und ich soll doch bitte allein spielen.

Manchmal mach ich dann das Kind aus dem Kindergarten nach, was schubst. Dann Schrei und weine ich, denn das Kind bekommt im Kindergarten auch immer alle Erzieherinnen zu sich.

Mit Mama und Papa klappt das auch, aber die finden das nicht so toll, glaub ich.

 

Weil Mama und Papa kaum noch lachen, mach ich beim Abendessen quatsch.

Im Kindergarten finden die Kinder das lustig, Papa lacht auch, aber Mama ist ganz doll böse auf mich, weil sie jetzt wieder sauber machen muss. Sie sagt, Papa hilft auch nicht mal und sie ist überfordert.

Ich hab keine Ahnung was das bedeutet, aber vielleicht ist das der Grund, warum Mama manchmal weint und Papa und sie sich manchmal streiten.

Schule – dann bin ICH groß

Bald komm ich in die Schule, haben sie gesagt. Da bin ich dann groß, und lerne lesen und schreiben.
Vielleicht versteh ich dann meine Eltern besser, denn dann bin ich ja dann auch groß. Ich möchte jetzt schon ganz viel allein machen, aber alle sagen, dass ich das noch nicht kann.

Ich soll aber Sachen machen die mir keinen Spaß machen, wie Zimmer aufräumen und im Haushalt helfen. Ich soll still sitzen und in Ruhe spielen. Das ist aber langweilig. Jedesmal wenn ich mit den Beinen Wippe, schimpft jemand. Klein sein ist total doof.

Wenn ich aber lesen, schreiben und rechnen kann, dann behandeln die Erwachsenen mich bestimmt auch nicht mehr wie ein Baby. Dann kann ich allein Einkaufen gehen und zu meinen Freunden. Dann kann ich länger aufbleiben und keiner sagt mir mehr, was ich machen soll.

Ich bin dann wie sie.

Dann kann ich endlich kleinere Kinder ausschimpfen, denn die müssen dann auf mich hören.

 

 


Die wunderschönen Fotos sind von Julia Rose-Greim, bei der du wirklich tolle Fotoshootings buchen kannst. Neben der Geburtsfotografie macht sie (unter anderem auch) grandiose Day in the Life Reportagen – ich liebe ihre Arbeit!

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