Geschwisterstreit? Zank mit „Bio-Zertifikat“ – Gastbeitrag Gerhard Spitzer

Der bekannte Heilpädagoge und Erfolgsautor, Gerhard Spitzer, eröffnet erstaunliche Blickwinkel auf Zank unter Geschwistern.
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Häusliches Schlechtwetter?

Freizeit. Zeit daheim. Zeit für ein Miteinander. Vielleicht aber auch zuweilen für ein „Gegeneinander“? Manch ein häusliches Streitbarometer, beispielsweise zwischen Geschwistern steht auf „Sturm“!

 

Die meisten Eltern fragen sich spätestens zu diesem Zeitpunkt: Wer stellt das entgleiste Barometer jetzt wieder zurück auf „Schönwetter“? Wie nehmen wir denn nun dem heulenden Sturm seine Kraft? Muss denn diese ewige Streiterei überhaupt sein?“ Meine Antwort auf die letzte Frage möchte ich gleich mutig vorwegnehmen: Ja! Sie muss! Deshalb treffen wir …

 

Streithansi in Aktion

„Meine zwei Plaggeischter können einander offensichtlich überhaupt nicht leiden, weil sie fast jeden Tag heftig chifle und haue!“ beschwert sich Vreni, Mutter des zehnjährigen Hansi und der sechsjährigen Elisabeth. „Die Situation ist für mich kaum noch auszuhalten: Erscht anschreien, dann schüpfe und gleich drauf gibt’s Tätsch! Und wenn die Kleine dann schreit und heult, muss ich jedes Mal eingreifen und die zwei trennen. Schliesslich ist es meine Pflicht, Verletzungen zu verhindern!“

 

Oje! Das hört sich für mich gar nicht nach idealem friedlichem Schweizer Familien-Idyll an! Und was denken Sie, liebe Leser? Würden Sie der besorgten Vreni raten, ihre konsequente „Trennungsarbeit“ im Streitfall beizubehalten?

 

Mein Vorschlag klingt jedenfalls so: „Gern dürfen Sie ´eingreifen´, wenn Sie das für richtig halten aber, wenn es geht, bitte nicht mit Muskelkraft!“ (siehe Kasten)

Dazu, finde ich, braucht die liebe Vreni aber erstmal ganz allgemein einen entspannteren Blickwinkel auf eine …

 

Wundersame Dynamik

Sicherlich nichts Neues für Sie, aber immer eine Erinnerung wert: Zank unter Geschwistern ist ganz normal und sogar gesund! Er dient nämlich einer notwenigen Entwicklung, welche Fachleute „Rangdynamik“, oder auch „Hackordnung“ nennen. Ohne diese frühen kindlichen Rangkämpfe hätten wir alle in unserem späteren Leben sehr viel weniger Chancen, uns je selbst zu behaupten. Dabei passiert auch eine …

 

Wundersame Interessensvertretung

Während Konfrontationen lernen Kinder, Ihre eigenen Interessen zu vertreten. Das funktioniert natürlich umso weniger, je öfters wir Erwachsenen es für sie tun.

Jetzt wird es aber gleich noch viel spannender: Schon während jedes einzelnen Streitverlaufs entwickeln Kinder die unschätzbar wertvolle Fähigkeit, auch die Interessen des Anderen zu achten. So seltsam dies klingt: Auch, wenn die Auseinandersetzung noch so heftig anmuten mag, trainieren Kinder dabei gleichzeitig das gegenseitige Achten und Beachten. Wäre das nicht so, gäbe es nämlich gar keinen Streit. Ohne den Gegner zu beachten, kommen Konflikte überhaupt nicht zustande.

Wie jetzt? Das glauben Sie mir nicht?

Dann streiten Sie doch bitte mal mit einem Menschen, der Sie vollkommen ignoriert! Schwierig, oder? Unseren beiden Plaggeischtern geht es ganz genau so …

 

Achtung: Übung!

Sobald Klein-Elisabeth sich gegen Hansi wehrt, wenn sie zurück schimpft, oder bloss einen Lätsch zieht, bedeutet das eigentlich nichts Anderes, als dass sie ihr „böses“ Brüderchen wahr nimmt, oder? Das wiederum heisst, dass sie darauf geachtet hat, was ihr grosser „Gegner“ eigentlich gerade veranstaltet, um dann darauf zu reagieren. Für unsere kleine Liesi ist das nichts Anders als Lebenskompetenz-Übung in ihrer natürlichsten Darreichungsform. „Bio-zertifizierter-Zank“, sozusagen.

 

Mama Vreni, zuvor noch zutiefst beunruhigt, hört jetzt staunend zu.

Dafür hat sie aber auch eine „offizielle Entwarnung“ verdient …

 

Wissenschaft entwarnt

Studien besagen, dass Geschwister, die regelmässig so richtig streiten, nicht nur in alltäglichen Lebenssituationen viel besser aufeinander eingehen können, sondern dass auch deren gegenseitige Zuneigung viel inniger und tiefer ist. Was? „Chifle bedeutet ´einander lieb haben´?“, fragt Vreni impulsiv. „Ja!“, antworte ich schmunzelnd“ „so einfach kann man das sehen!“

 

Auch zur „Verletzungsgefahr“ gibt es eindeutige Ergebnisse: Lässt man seine Lieblinge unter gewissen Rahmenbedingungen (siehe Kasten) in aller Ruhe streiten, kommt es generell zu viel weniger ernsthaften Verletzungen. Kinder, die es bereits gewohnt sind, dass stets „helfende Hände“ in ihren gerade so schön losbrechenden Streit eingreifen, verlassen sich hingegen immer öfters auf den „professionellen Abbruch“ durch die rettende Mutterhand oder das Machtwort des Vaters. Die Schwelle zur Verletzung beim nächsten Mal steigt jetzt erst recht.
Ein kurzes „Gegeneinander“ klärt ein längeres „Miteinander“.

G.Spitzer

 

Mehr Streit, mehr Liebe

Da wäre da noch der Fall des elfjährigen Thomas und der siebenjährigen Larissa. Sie streiten niemals! Kaum ein lautes Wort fällt je zwischen ihnen. Einander Hauen? So etwas hat es überhaupt noch nie gegeben. Doch die Geschwister wechseln auch sonst kaum ein Wort miteinander. Wie sehr würde sich Mama Ruth wünschen, die beiden endlich mal streiten zu sehen. Mami ist deshalb gestresst. Aber in ihrem Fall ist es die offensichtliche Entfremdung ihrer beiden geliebten Kinder, die Kopfzerbrechen bereitet.

 

Noch unklar, wer eigentlich entspannter sein darf, Vreni, oder Ruth?

 

Gratuliere also, wenn sie Kinder haben, die gelernt haben, ganz allein nach Herzenslust zu streiten. Und auch ganz allein aufzuhören: „So, ich mag nicht mehr hauen! Gehen wir jetzt spielen?“

Lassen Sie das auf sich wirken!

Sie werden es mögen!

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Streitfeste Tipps

Lassen Sie Kinder ihren Streit austragen! Die offene Auseinandersetzung, in der ein Kind sich lautstark für seine Belange einsetzt, verhindert Rückzug, Frustration, langfristiges Schmollen, Aufsässigkeit oder gar Verbitterung

 

Laufen Sie nicht bei jedem Geschrei gleich zu Ihren Kindern. Der Streit könnte so vielleicht noch heftiger werden, weil es jetzt auf einmal wichtig ist, Ihre Aufmerksamkeit zu erzwingen.

Stellen Sie klar, dass Sie sich nicht mit hineinziehen lassen. So bleibt die Verantwortung für die Auseinandersetzung hauptsächlich bei den Kindern. Sie können das von Herzen positiv formulieren: „Ich freue mich, wie ihr euren Zank alleine löst! Erzählt es mir dann!“

 

Ergreifen Sie bitte nicht Partei! Eltern sind weder Detektive noch Anwälte für, oder gegen eines der Kinder! Schon gar keine Richter!

 

Lassen Sie bitte „Petzen“ nicht zu: „Tut mir leid mein Schatz! Was ich nicht selbst gesehen habe, kann ich auch nicht selbst beurteilen!“

Vertrauen Sie auf Ihr eigenes Einfühlungsvermögen: Wenn Sie glauben, dass Verletzungen vorprogrammiert sein könnten, beobachten Sie den Konflikt doch aus „sicherem“ Abstand, aber in aller Ruhe! So schaffen Sie einen „geschützten Rahmen“ für den Streitverlauf.

 

Verbieten Sie Streiten nicht generell, sondern „erklären“ Sie, wie chifle geht ohne einander gegenseitig zu verletzen.

 

Reagieren Sie nicht gleich entnervt, bloss weil eines der Kinder mal rempelt, beisst, kratzt, oder die Haare der Schwester zum Zugmechanismus degradiert.

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