Lass das „lass das!“ – vom umdenken, auf die Zunge beißen und dem Erziehen auf Augenhöhe

Unerzogen

Unerzogen leben ist nicht das, was du gerade denkst. Unerzogen heißt nicht, das einem die Kinder auf dem Kopf rumtanzen.

Auf dem Sofa ja. Auch auf dem Tisch, ok. Aber nicht auf dem Kopf.

 

Sie nutzen es nicht aus, sie legen es nicht drauf an. Sie machen nicht das, was sie nicht tun sollen.

Unerzogen… ein verachtendes Wort, wenn man erzieht. Es hat das Anti Autoritär in sich und man hat direkt die Arschlochkinder im Kopf, mit den Müttern, die wie Butler hinter ihnen her rennen und jeden Wunsch sofort erfüllen. Mütter die total verstrahlt scheinen, weil sie nicht sehen, wie ihr Kind sie einfach nur ausnutzt. Machen wir uns nichts vor, auch ich dachte mal so. #schandeübermich #verklagmichdoch

Erzogen

Ich habe über 10 Jahre erzogen, habe liebe Kinder, sie wissen wie man sich benimmt. Ich achtete immer auf alles was sie taten, damit sie sich nicht blamieren, schließlich sollen die anderen (Kinder/Mütter…) sich nicht das Maul über Sie zerreißen. Unerzogen hätte ich NIEMALS für möglich gehalten. Zuckerbrot und Peitsche, Kinder haben zu hören. Tun sie es nicht, haben die Eltern versagt. So ist das in unserer Gesellschaft.

Und dann merkte ich: hier läuft was schief.

Ich ging mir immer mehr auf den Sack. #isso

Ich war von mir genervt, weil ich ständig auf sie aufpasste, damit sie ja kein Blödsinn machen, sagen,  versuchen… nicht mal denken sollten sie es.

Ich konnte mein „Lass das!“ nicht mehr hören.

Ich bekam würganfälle, wenn ich meinen Kindern eine Standpauke hielt, sie sollen doch gefälligst ihre Zimmer aufräumen.

Und ich hasste mich, dass ich scheinbar immer mehr zu meiner Mutter wurde. Ohne das ich es wollte.

Ich konnte keinen Urlaub – nicht mal einen Kurztripp – genießen, weil meinem Mann anscheinend alles egal war, und ich ständig auf unsere 4 aufpassen mußte. Ich musste darauf achten, dass sie sich nicht dreckig machten, ich musste darauf achten, dass sie keine Leute umrennen, ich musste darauf achten, dass sie nicht irgendwo hochkletterten.

Am Ende jeden (Kurz)urlaubs war ich völlig fertig mit den Nerven, weil mich alles nur noch genervt hat. Kinder und Mann waren auch nicht begeistert, weil Muddi wiedermal nur am rummeckern war. Nichts konnten sie mir recht machen.

Ich fühlte mich ständig als Versagerin, konnte ich so doch zum Bsp. niemals mit meinen Kindern essen gehen, ohne angst zu haben, dass die uns rauswerfen.

 

Ich hatte die Schnauze voll. Von allem.

Brauchte Auszeiten, bekam körperliche Beschwerden, stand kurz vor einem Burn out und hab das Handtuch geschmissen. Sollen sie doch alle machen was sie wollen. Ich wollte manches mal so gerne weglaufen.

Ich beschäftigte mich wieder mehr mit mir, denn ihnen alles hinterher tragen um dabei laut zu schimpfen, sie wären alt genug und können ihren Mist selber wegmachen, brachte mich nicht weiter.

Ich geh sogar seit einem halben Jahr wieder mit meinen Mädels weg, weil ich dachte, das wäre die Lösung. Zeit nur für mich. Als Frau. Nicht nur Mutter und Ehefrau.

Dann fing ich an Bücher zu lesen. Bücher über Hochsensibilität, da ich wußte, viele meiner Probleme werde ich dadurch verstehen lernen. Ausserdem musste ich mich damit beschäftigen, denn meinen Kindern ging es aus verschiedenen Gründen immer schlechter. Da war nicht nur die Amelogenesis imperfecta und eine Narkosunverträglichkeit, die getestet werden musste, was allein schon viel Kraft kostete, da war noch Mobbing in der Schule, der Kampf um die Legasthenie – Festellung, Hochbegabung – was kein Segen ist. Außerdem Kindergarten und Schulverweigerung mit täglichen Diskussionen schon am morgen. Dazu kamen streßbedingte körperliche Symptome und zum Schluß noch Migräneattacken plus Hochsensibilität bei meinen Kindern, jeder anders, jeder auf seine Weise.

Nee, hier wirds nich langweilig. Man könnte sagen alle Alarmsignale die es gibt, hat meine Familie geläutet. Durch den Streß gab es noch mehr Streß. Logisch.

Ich war sauer und unendlich traurig. Warum ist das alles so aus der Bahn gelaufen, und vor allem WANN ist das passiert? Ich wollte das nicht, und musste die Notbremse finden. Wusste aber nicht wie.

 

Ich laß und ging weiterhin ab und zu weg, wenn nicht, war ich teilweise schon ab 21.00Uhr im Bett verschwunden, nur um mich von meinem Alltag zu entziehen, es wurde mir zeitweise wirklich zu viel. Ich gab die Schuld ab, und wusste das ich falsch liege. Das wäre ja zu einfach. Das kann ja jeder.

Ich stolperte außerdem  in „minimalismus“ und „unerzogen“ Gruppen. Wie, kann ich gar nicht mehr sagen. Wahrscheinlich, weil ich dachte das „zuviel“  die Ursache war.

 

Arrogant und von mir und meinem Weg selbst überzeugt (denn was soll es schon für eine Alternative sein, wenn man nicht erzieht? Arschlochkinder? Nee danke, das brauch ich nicht auch noch)  überflog ich nur immer mal wieder ein paar Beiträge der Mitglieder, aber laß mich lange zeit nicht ein.

Unerzogen… was soll das schon sein? Noch mehr Arbeit, weil sie nichts mehr machen? Noch mehr ärger, mit unerzogenen Kindern? Faules Mama da sein, weil die Kinder machen können was sie wollen?

Ich möchte, das meine Kinder an der Straße stehen bleiben. Ich möchte auch nicht das sie später kriminell werden. Ich möchte liebe Kinder, für die ich mich nicht schämen muss, weil sie sich im Laden auf den Boden legen. Ich möchte, dass meine Kinder hören!

 

unbemerkte Veränderung

Anscheinend blieb aber doch etwas von meiner Facebook „unerzogen“ Timeline  bei mir hängen, denn ich merkte wie ich mich veränderte.

Ich wurde ruhiger, indem ich eben mal nicht LASS DAS! sagte.

Lass das“ lassen – es war mein erster, schwierigster und erfolgreichster Schritt in mein neues Leben.

In unser neues Leben.

Die ersten Wochen waren komisch. Meine Kinder veränderten sich mit. Meine Ehe auch. Wir veränderten uns alle.

Obwohl ich nicht mehr dafür kämpfte, erreichte ich das, was ich immer wollte:

Glück & Zufriedenheit.

 

Am schwersten war es, mit „Paß auf!“ , „Lass das“ , „Nein!“ und „Vorsicht!“ sagen aufzuhören.

Ich mußte mir mehr als einmal auf die Zunge beißen und beneidete die Leichtigkeit eines Mannes, dem es anscheinend egal war, wenn das Kind auf der Mordshohen Rutsche wackelig stand und warum verdammt noch mal sieht der den nicht, dass es gleich abrutscht, runter fällt und sich den Arm brechen wird, neben der Platzwunde am Kopf?!  #helikoptermum

Als mein großer anfing auf dem Trampolin freihändig Saltos zu schlagen, konnte ich kaum hinschauen, sah ihn schon – im besten Falle – im Kh, im schlimmsten Falle mit gebrochenem Genick. Ich hatte echt Angst. Auch heute noch. Du glaubst gar nicht wie schwer es war, ihm nicht ständig zu sagen: „Sei bitte vorsichtig!“.

Allerdings erinnerte ich mich auch daran, was es für ein Gefühl ist, wenn man als Kind Sachen schafft, wofür andere noch nicht bereit waren.

Ich habe es geliebt als Kind freihändig Fahrrad zu fahren, bin bis nach ganz oben, in eine 10 Meter hohe Eiche geklettert, so schnell, dass mich kein anderes Kind einholen konnte, sie aufgaben oder sich mit mir im Kräfte messen übten. Ich bin mir sicher, dass Kinder das Gefühl „vom schaffen“ , „vom überwinden“ brauchen.

Ich muss ungefähr 4 gewesen sein,  als mein Opa und meine Oma mich das erste Mal hoch, auf die 3 Meter hohe Garage schickten, die Leiter nur wackelig am Baum gelehnt, um die Walnüsse vom schiefen Dach zu sammeln. Es gab keinerlei Sicherung und wäre ich ausgerutscht hätte es weh getan.

Ich habe es geliebt. Ich fühlte mich ernstgenommen. Ich fühlte mich mächtig, von dem Gefühl zerr ich heute noch. Ich habe mich getraut und war mutig. Ich wußte in dem Moment, ich konnte alles schaffen.

Hätte ich meine Kinder dort hoch geschickt? Bis vor einem halben Jahr wahrscheinlich nicht. Viel zu groß wäre die Gefahr gewesen. Das macht man doch nicht. Unverantwortlich sowas!

Und schon war ich wieder im Zwiespalt: auf der einen Seite möchte ich, dass meine Kinder die tollen Erfahrungen machen, so wie ich damals, auf der anderen Seite hab ich sie unterdrückt, indem ich ihnen praktisch alles verbot, wo sie sich hätten trauen können, weil ICH Angst hatte.

Und dann hab ich festgestellt, dass sie sich eigentlich nur weh tun, wenn sie nichts „gefährliches“ machen, wie: die Treppe runter gehen. Oder laufen. Oder einen Apfel schälen. Oder schlafen, ja auch aus dem Bett fallen tut weh.

Natürlich weiß ich, dass die meisten Unfälle im Haushalt passieren, dass wundert mich auch nicht, wenn alle Frauen, so wie ich, beim Malern auf der Leiter stehen, aber achtet man da bei Kindern drauf?

Eher nicht. Meist kam im Falle des Falles von mir ein vorwurfsvolles „Hab ich dir doch gesagt!“  statt zu sagen, „Schatz, das passiert halt, das ist gleich vorbei, aber es ist toll wie hoch du warst! Beim nächsten mal schaffst du es bestimmt noch höher. Du bist so mutig.“

 

Ich hab mich noch immer nicht in unerzogen eingelesen, denn ich denke, ich gehe meinen Weg mit meiner „Erziehen auf Augenhöhe“ Methode, mit meinen Einsichten, denn ohne die bringt mir alles Bla bla nichts. Ich muss weiterhin mein Leben rückwärts verstehen, ich muss mich mit meinen Erfahrungen auseinander setzen, denn, das, was ich bis hierhin gelernt habe, ist nicht nur das ich mir auf die Zunge beißen sollte, wenn es in meinen Augen gefährlich oder blöd ist, sondern, dass es MEIN Problem ist.

Und nur, weil ich damit nicht klar komme, sollte ich es nicht auf meine Kinder übertragen.

Mit meinem Verhalten, im Sinne von LASS DAS habe ich sie stellenweise entmutigt, verängstigt und ihnen wertvolle Erfahrungen sowie Selbstbewußtsein unterschlagen. Selbstbewußtsein, Stärke und das Wissen, dass sie alles schaffen können, was sie wollen, brauchen sie für ihren Lebensweg aber.

Dazu kam noch die erpresserische Erziehung „Wenn du das nicht machst, dann  ….“ weil ich eine tolle Mutter sein wollte, und BÄM ich habe so gut wie alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Getrieben von einer Gesellschaft, die selber schon so kaputt ist, dass schon Mütter am Burn Out erkranken, habe ich vieles falsch gemacht, weil man das halt so macht.

Aber es ist nie zu spät etwas zu ändern, oder?

Sich selbst zu finden -ich kann es nur immer wieder sagen- es ist so wichtig, sein Körpergefühl wieder zu entdecken und auf sein Bauchgefühl zu hören, dass ist alles was in einer Beziehung zu seinem Kind und Partner wichtig ist. Denn daraus resultiert die Basis wie Vertrauen.

Vertrauen

Fanden wir zu 100% wieder, als ich sie machen ließ. Als ich nicht mehr die Hand über ihre waghalsigen Aktionen legte … indem ich ihnen zeigte … indem ich NICHTS SAGTE … merkten sie, dass ich ihnen vertraue. Das ich weiß, dass sie das Risiko selbst abschätzen können, so wie ich als ich damals in der Baumkrone stand.

Meine Kinder haben in den letzten Monaten so viel mehr Selbstbewusstsein gewonnen, dass sie sich komplett verändert haben. Sie haben soviel mehr Spaß im Leben, weil sie in Pfützen springen können, ohne Angst zu haben, dass Mama wieder schimpft. Sie freuen sich, wenn sie erst das Eis und dann das Mittag essen können, weil es eh egal ist wann man was isst. Sie haben so viel mehr Glitzer in den Augen… es ist unbeschreiblich.

 

Unerzogen heißt auch vertrauen.

Vertrauen in das eigene Kind.

Loslassen. Freilassen. Beobachten, und im Notfall – ohne Vorwürfe – eingreifen, denn das, was sie jetzt lernen, prägt sie ihr ganzes Leben. Lasst uns das beste daraus machen.





 

5 Comments

  1. Hallo,eigentlich bin ich ein Stiller Leser,aber jetzt nun doch,ich muss meinen Senf abgeben: endlich eine Mama,die so denkt wie ich
    Danke! Tausend Dank für diese Worte!!!!
    Ich weiß nicht,warum,aber ich War schon immer so: großer Baum?!- los,wir klettern drauf! Pfütze?!- komm,wir springen rein! Dreck an der Hose ?!- Waschmaschine!
    Und erst letzte Woche beim KinderGeburtstag hieß es wieder: „Du bist herrlich unkompliziert mit deinem Kindern,und die zwei sind immer so lieb,die merkt man kaum!“ Also wieder eine klare Bestätigung für mich und das Vertrauen in die eigenen Kinder,die viel mehr können und viel mehr an Normen und Werte glauben,als wir es tun- denn Kinder bedeutet es noch was,wenn es heißt:“geschworen“ und „versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen!“
    Also alle gestressten Mamas sei gesagt- weniger ist mehr und fangt an,euren Kindern zu vertrauen!

    Sorry,für den langen Kommentar und alles alles Liebe für euch,behaltet euren Weg bei!

  2. Was für ein wunderbarer Artikel, liebe Nancy!
    Ein Hoch auf die „faulen Eltern!“ In de Erziehung ist wenige Eber manchmal mehr und Li der, die sich beim To en und Ausprobieren blaue Flecken holen sind gesund und haben etwas zu erzählen!
    Ich habe mich letztes Jahr auf dem Blog auch mit diesem Thema beschäftigt und finde hier einiges wieder! Besonders das Gefühl sich selbst nicht mehr hörwn zu können!

    Genießt Eure Freiheit ❤

  3. Oh nein! Was habe ich mit meinem Handy denn da für einen Murks verfasst 🙈😅
    In der Erziehung ist weniger oft mehr und Kinder, die sich beim Toben blaue Flecken holen sind gesund und haben etwas zu erzählen 😶

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