Mein Vater, der Alkoholiker

Danke!

Ich habe ein mega Feedback (vor allem bei Facebook) von euch zum Beitrag „Ich habe keine Mutter mehr“ erhalten. Ich bin überwältigt, war teilweise sprachlos; bei vielen Geschichten richtig traurig und/oder entsetzt aber letztendlich bin ich einfach froh, dass sich wieder so viele Menschen virtuell getroffen haben, die eine ähnliche Vergangenheit haben und sich austauschen konnten; gesehen haben: Sie sind nicht allein.

Ihr habt gefragt, ich werde Antworten:

 

„Was ist mit deinem Vater“

als er in der Armee war

Was ihn angeht, muss ich tief in meiner Erinnerung kramen.

Ich weiß, dass ich die ersten Jahre total verrückt nach ihm war. Vielleicht, weil er auch kaum zuhause war. Bis ich 5 wurde, war er bei der Armee; bei der Marine. Ich war mächtig stolz auf ihn, wenn er in seinem Seemannsanzug nach Hause kam. Bei ihm hab ich mir die Kuscheleinheiten geholt, die ich sonst nicht bekam, zumindest kann ich mich nicht erinnern jemals mit meiner Mutter gekuschelt zu haben.

Ich war immer seine Prinzessin, wir haben Bud Spencer und Raumschiff Enterprise geschaut. Ich mochte es damals schon nicht, aber das waren so unsere Serien, und ich liebte es einfach mit ihm auf dem Sofa zu gammeln. Er hat mir das Fahrrad fahren beigebracht und ich bin mit seiner Hilfe als Kind Auto gefahren^^.  Er hat mich sogar auf der Baustelle akzeptiert und mich nicht „wie ein Mädchen“ behandelt.

nach der Armee

Als er dann nicht mehr bei der Armee war, wurde es allerdings komisch zuhause. Meine Eltern stritten sich oft, was ich gar nicht verstand, denn meine Mutter hat oft geweint in der Zeit wo er nicht da war. Rückblickend war es vielleicht auch nur die Überforderung.

Meine Oma kam oft mitten in der Nacht um mich aus dem Bett zu holen und mich mit zu sich zunehmen. Ich weiß nicht warum, ich weiß nicht wie sie es mitbekommen haben, damals gab es ja noch keine Telefone und auch weiß ich nicht wie oft es war.

Aber ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, dass wir durch die kalten Straßen liefen, weil ich nicht zuhause schlafen sollte.

Wir haben ein Geheimnis

Mein Vater fing heimlich an zu trinken.

So waren wir mal tanken, als ich ungefähr 5 war, er holte sich einen Flachmann und mir ein Bestechungs Musikding was blinkte. Zuhause hat er den Alk dann unter einem Topf in der Garage versteckt und mir gesagt, ich solle es bloß nicht meiner Mutter sagen, das gäbe wieder Ärger. Die meckert ja eh immer rum.

Ich hab es auch lange für mich behalten, ich fand es lustig ein Geheimnis mit meinem Vater zuhaben. Als ich es dann doch irgendwann erzählte, bereute ich es sofort, denn natürlich gab es einen riesen Zoff und mein Vater schaute mich enttäuscht und sauer an.

Von da an ging es rapide bergab.

Habt ihr mich verlassen?

Meine Eltern stritten nur noch. Und wenn nicht, gingen sie zu den Nachbarn saufen und ließen mich allein zuhause. Manchmal wußte ich gar nicht das sie weg sind, so wie an einem Abend (ich war ungefähr 3 oder 4) wo ich Nachts wegen einem Albtraum wach wurde und sie suchte, weil keiner kam als ich schrie und weinte. Ich fand sie nicht nicht im Haus, also bin ich weinend und verängstigt raus auf die Terrasse, aber auch da waren sie nicht.

Ich dachte sie sind abgehauen, weil ich so schrecklich bin, schließlich hatte man mir nicht nur eingeredet ich wäre ungeliebt, sondern ohne sie komplett allein, ich muss lieb sein.

Ich hatte Panik das ich nun tatsächlich ganz allein groß werden musste, also stieg ich erst auf unseren Trabbi und dann auf das Garagendach, um nach ihnen zu schauen.

Ich rief und weinte und schrie sie sollen doch bitte nach hause kommen und auch, dass ich Angst habe und keiner da ist.

Andere Nachbarn haben dies mitbekommen und haben ihnen Bescheid gesagt. Nach einen kurzem öffentlichen trösten wurde ich ausgelacht und mir wurde dann gesagt, dass ich das doch nicht machen kann, das ist peinlich.

Ein Abgang, der Eindruck hinterließ

Als ich 9 Jahre alt war trennten sie sich endlich nach 4 Jahren Streitereien.

Der Höhepunkt war der  Zoff, wo ich erst dazwischen stand und man mich anschrie ich solle mich gefälligst raus haltendas ginge mich nichts an –, um dann die Kettensäge raus zu holen und fast das gesamte Mobiliar zu 2 teilen – denn schließlich wollten beide diesen verkackten Schrank haben, und keiner wollte nachgeben.

Ein Ereignis welches ich lange Zeit verdrängt habe.

Ausgezogen ist allerdings keiner aus meinem Elternhaus.

Nachdem meine Mutter (mit ihrem Neuen) und mein Vater (mit seiner neuen) sich mit mir ein paar Monate lang mein Elternhaus teilten, zogen wir endlich aus.

Es war der Horror. Sie stritten nicht nur, auch kam ich mir vor wie im P*ff, weil jeder dem Ex beweisen musste, wie viel besser der neue jetzt ist.

Aber auch beim Auszug, du ahnst es, lief nichts wie es sollte.

Bye, Bye Barbie Haus.

Bye Bye Papa.

Nach der ersten Fuhre des LKW’s, natürlich hauptsächlich die Sachen meiner Mutter, wurde das Tor, welches vor unserem Haus stand, durch meinen Vater mit einem Schloß abgeriegelt, so dass fast alle meine Sachen dort blieben.

Selbst da war ich beiden egal.

Ich habe einmal zu Weihnachten ein selbstgebautes Barbie Haus von meinem Vater geschenkt bekommen – um das ich heute noch trauere. Ich hab es nie wieder bekommen. Meine Mutter hat sich nicht mal die Mühe gemacht es wieder zu besorgen. Es war das einzige persönliche Geschenk, wo ich merkte, meine Eltern lieben mich vielleicht doch.

Meine Mutter erzählte mir, er hätte sich nach unserem Auszug nie wieder gemeldet.

Mein Vater, wenn ich ihn bei meinen Großeltern zu Weihnachten traf, erzählte mir, er war an meinem Geburtstag da, meine Mutter hätte ihn weggeschickt.

Ich weiß bis heute nicht was stimmt.

Ich verlor meinen Vater als ich 9 wurde.

Gestorben ist er als Alkoholiker als ich Mitte 20 war.

In all der Zeit kam nur ein einziges Mal ein Zeichen von ihm: als ich meine große Tochter bekam, meinte er, er käme mal vorbei, wenn er in der Nähe ist.

Ich würde heute noch warten.

Also nein, ich hatte auch keinen Vater – im höchstfall einen Wochenendvater. Bis 5 war er bei der Armee, bis 9 war er volltrunken und nur am streiten mit meiner Mutter.

Ab 9 ließ sie mich noch mehr spüren wie ungeliebt ich war, denn immerhin erinnerte ich sie täglich an ihn.

Aber du hast eine tolle Schwiegermutter?!

Nein, auch das nicht. Die leibliche Mutter meines Mannes ist schon viele Jahre, bevor ich die Chance hatte sie kennenzulernen, verstorben.

Mein Schwiegervater und die Schwestern

Sein Vater hat den Kontakt zu uns abgebrochen, weil – uffjepasst – sein Enkel, am selben Tag geboren wurde, wie er. Wie konnten wir nur?!

Mit den Geschwistern kam es zum Krach, weil sie sich erdreisteten Ollis Ex auf unsere Hochzeit einzuladen um dann – in unserem Hochszeitsvideo – sie dazu aufzufordern sich ihn doch noch mal zu schnappen, bevor es zu spät ist…. #ohneworte

Ein Onkel? Irgendwer muss(te) doch da gewesen sein?

Oma Nummer 1

Oma Nummer 1, ist noch einmal ein ganz neues Kapitel. Kurzgesagt: sie beeinflußte mich schon als Kind, meine Mutter wäre (wortwörtlich) eine Schlampe und bei ihr hätte ich es viel besser. Vielleicht hat sie damit alles verschlimmert, ich weiß es nicht.

Aber genau dies versuchte sie dann bei meinen Kindern. Nur ich wußte was sie tat und schmiss sie an Weihnachten, vor 5 Jahren, raus. Bis heute haben weder ich, noch meine Kinder Kontakt mit ihr.

Oma Nummer 2

Oma Nummer 2 war „unerzogen“ in Person.

Sie erfüllt mir jeden Wunsch, egal ob ich Geburtstag hatte oder nicht. Bei ihr konnte ich richtig Ausspannen. Einfach ich sein.

Sie laß mir jeden Wunsch von den Augen ab und schimpfte nicht ein einziges mal mit mir. Sie hatte immer eine Ruhe an sich, sodass sie noch heute eines meiner Vorbilder, was Kindererziehung angeht, ist.

Mein Opa & meine Oma Nummer 3

Mein Opa war DER Mann in meinem Leben. Ein hochbegabter, alltalentierter und wissbegieriger Mann, der mich so leitete wie kein anderer. Von ihm lernte ich alles handwerkliche und künstlerische. Er bestärkte mich, mich zu trauen, auszuprobieren und führte mich zu der Schönheit der Natur. Er wußte alles und teilte es großherzig. Er redete nicht zu viel, er machte. Er verurteilte nie, hatte nie ein böses Wort auf den Lippen und versuchte mindestens zu verstehen, wenigstens aber zu akzeptieren. Auf ihn konnte man sich immer blindlings verlassen, und es war ein sehr großer und auch heute noch sehr schmerzhafter Verlust, dass wir ihn vor 9 Jahren verloren. 2 Monate nach meiner Hochzeit.

Schwerkrank raffte er sich damals noch auf, um mir (bei immerhin 4 Stunden Fahrt) den Rücken zu stärken, und mir den schönsten Tag meines Lebens noch schöner zu machen.

Ruhe in Frieden geliebter Opa, du fehlst noch immer.

Ich wünschte so sehr, dass all meine Kinder ihn noch hätten kennen lernen könnten.

Meine Oma, war und ist ebenfalls ein großer Teil meines Halts. Genauso wie meine Tante, die schon immer Kinder liebte, und bei der ich super gerne war.

Aufgeben ist nicht drin

So beschissen mein Leben auch lief (und das hier ist auch alles nur ein abgestumpfter Bruchteil dessen), ohne diese 4 wundervollen Menschen, wäre ich niemals die, die ich heute bin. Sie gaben mir all das was ich brauchte, damit ich durchhalten konnte, damit ich lernte damit umzugehen, damit ich nicht aufgab. Sie zeigten mir eine Richtung, bauten mir meinen Weg  (ohne das sie es wussten) und ich versuche ihn zu gehen … Ich danke Ihnen von Herzen.

Durch sie weiß ich, dass es auch anders geht.

„Muss das ins Internet?“

Ich finde eindeutig JA!

Obwohl ich wirklich Angst hatte, diesen Beitrag zu veröffentlichen. Auch kam der Kommentar, das man beide Seiten hören muss. Das mag richtig sein, aber: es ist meine  Vergangenheit, und normalerweise überwiegt doch das Gute, weshalb man Streitereien vergißt, wenn man zurück denkt. Wenn man sich aber nur an traurige Sachen erinnert, muss das doch einen Ursprung haben?

…für die Betroffenen

Denn allen sollte klar gemacht werden, dass nicht sie an ihrer Kindheit schuld sind!

Mann kann sich nicht vorstellen (wenn man nicht selbst betroffen ist), wie es ist, jahrelang mit den Gedanken, mit dem Gefühl, mit dem Bewusstsein aufzuwachsen: du bist falsch, du bist ein Fehler, ein Unfall, nie gewollt. Man fühlt sich überflüssig, nie geliebt und führt schon als Kind einen Kampf, nur damit man gesehen wird.

Eine Kindheit, wo man sich schuldig fühlt, überhaupt auf der Welt zu sein, wo man doch so nutzlos ist und seiner Mutter das Leben versaut hat.

stell dich nicht so an

Man ist Abschaum. Man ist lästig. Man wird unterdrückt und hat sein ganzes Leben lang damit zu kämpfen. Denn schließlich ist es doch die Mutter, und man hat nur eine. Wie oft hab ich gehört, ich soll mich nicht so anstellen, so schlimm sei es doch nicht, es gibt Familien, da ist es wirklich schlimm oder – wenn ich will – kann ich ja auch ins Heim, wenn ich der Meinung bin, mir ginge es dort besser.

Kampfgeist

den hatte ich allerdings schon immer, zum Glück. Als Kind realisiert man ja auch gar nicht, wie schlimm es wirklich ist. Man kennt keine anderen Familienalltage, man weiß nicht, wie andere Mütter mit ihren Kindern umgehen, man wächst so auf und akzeptiert es.

Auch, wenn man oft weinend im Bett lag und einfach nur traurig war. Man merkte, es stimmt was nicht, aber wie sollte man das als Kind beweisen … und wie ändern?

Wir haben es uns weder damals noch heute eingebildet und auch waren wir nie daran schuld, dass unsere Mütter, Väter – unsere Eltern so versagt haben. Wir haben zum Glück einen wahnsinnigen Kampfgeist mit auf unseren Weg bekommen, ohne den wir wahrscheinlich im Knast, oder als Junkie geendet wären. Wir hatten den Mut diese Verbindung zu kappen, obwohl scheinbar die ganze Welt sagt. „das kannste doch nich machen!“ OH DOCH! und wie wir können, denn … wir sind besser. Wir haben unsere Chance, im Gegensatz zu manch einem Elternteil, genutzt. Manche Menschen tun uns halt nicht gut, und dann muss man halt auch irgendwann mal aufgeben; einsehen – auch wenn man nur eine Gott verdammte Mutter hat- das die einen aber niemals so schätzen wird, wie es sich gehört.

Wir sind besser

Wir können stolz auf uns sein, denn, ein Weg das Glück zu finden ist: wenn man am Boden lag, kann man das schätzen, was man hat, was man sich selber aufgebaut hat: eine eigene Familie, mit Kindern, die mit Sicherheit viel zu viel verwöhnt werden, schon allein aus Angst, man könnte in das Muster der eigenen Eltern verfallen. Aber was soll s?! Schlimmer als psychische Gewalt und Liebesentzug  kann es nicht sein. 

…und für die, die eine wundervolle Kindheit hatten

finde ich es auch nach wie vor wichtig. Denn ich gönne es wirklich jedem von Herzen, die eine liebende Mutter und einen stolzen Vater hatten, aber sie sollen ruhig auch wissen und schätzen, was sie für ein Glück haben und es nicht als selbstverständlich nehmen. Ich bin mir sicher, das ganz viele ihre Eltern an den folgenden Tagen extrem fest gedrückt und ihnen auch hoffentlich gesagt haben, wie sehr sie sie lieben und froh sind, dass sie sie haben. Und das freut mich. Als Mutter. Als Mensch.

Dankbar sein und schätzen was man hat. Ein seltenes Gut, welches man viel zu wenig nutzt.

 




2 Comments

  1. Mensch Nancy, ich drück Dich ganz doll :* Meine Mama hat auch sehr unter ihrer Mutter gelitten und ihr Vater war kaum zuhause. Ich sehe oft den Schmerz in ihren Augen, wenn sie von ihr spricht. Noch heute!

  2. Freunde kann man sich aussuchen… Familie…
    ich habe auch so ein absurdes Miststück von Mutter,ich hab es aufgegeben,gut genug sein zu wollen.
    nach 3 Jahren ohne Kontakt zu ihr weiß ich was ich bin,nämlich viel besser als sie es je War.
    also an alle- Kopf hoch und die Nase gegen den Wind halten,niemand ist allein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.