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Wenn Schutzengel Pause machen – die Geschichte von Phillip

kind verlust gestorben

Ihr Lieben, dieses Mal möchte ich ein Vorwort sprechen.

Dieser Artikel entstand nicht mal eben so. Nicht aus einer Laune heraus. Und schon gar nicht der Mediengeilheit wegen.

Dieser Artikel enthält eine Menge Herzblut, viele immerwiederkehrende Tränen, sehr viel Schmerz und ein Stück Hoffnung.

Alle Beteiligten brauchten hierfür Wochen, damit er halbwegs ok wird, denn; perfekt kann so ein Artikel niemals sein. Dafür ist die Geschichte dahinter viel zu schlimm.

Dieser Bericht liegt uns allen so sehr am Herzen, es ist ein großes Stück Vertrauen in euch.

Und wir wollen damit helfen. Nicht nur Sina, für die es eine weitere Art der Verarbeitung war, nein auch allen Müttern und Vätern die ihr Kind verloren haben.

Die Welt ist manches Mal so ungerecht, das Schicksal einfach nur ein Arschloch und an Karma kann man an solchen Tagen einfach nicht glauben. Denn es gibt Dinge, die dürfen einfach nicht passieren!

Schon gar nicht darf es passieren, dass Eltern ihre Kinder wegen eines „kümmern wir uns später drum“ beerdingen müssen.

Ich baue auf euch, dass ihr keine dummen Kommentare abgebt, ja es ist traurig, dass man so etwas schreiben muss, aber am Ende des Artikels werdet ihr verstehen. 🙁


Januar 2013.

Gerade mal 3 Jahre ist es her.

Und immer noch wie gestern.

Ich arbeitete damals am PC, nebenbei liefen die Nachrichten im Fernsehen.

Ich hörte:

Ein schrecklicher Unfall passierte in Coswig/Anh., Phillip 10 Jahre, ist beim Versuch seinen Fußball zu holen im zugefrorenen Löschteich eingebrochen und ertrank.

Coswig! – meine Heimat!

Ich wurde hellhörig.

Mir wurde schlecht. Richtig schlecht. Mein Magen drehte sich. NEIN!

Ich schaute geschockt in den Fernseher, und glaubte nicht was sie da erzählte.

„Auf dem Teich bin schon ich als Kind Schlittschuhgelaufen!“ dachte ich noch.

Während des Berichtes wurde mir immer übler, ich erfuhr wessen Kind das war.

„Sina! Nein, nicht Sina´s Sohn bitte!“

Sina war eine Freundin von früher. Wir waren damals kaum älter als ihr Sohn, der zu dem Zeitpunkt nur etwas älter als meine große Tochter war. 10 Jahre. So jung. Viel zu jung.

 

Überall laß man die Tage danach davon, überall sah man es in den Nachrichten.

Dieser Schreckliche Unfall.


Heute

Jeden Winter, jedes Mal wenn es schneit, jedes Mal beim Schlittschuhlaufen denk ich an sie und Phillip.

Und es zerreist mir das Herz. Es ist, als ob Phillip im Schnee ist. Eine wundervolle tanzende Schneeflocke.

Ich möchte Phillip gedenken.

Ich habe jetzt die Möglichkeit, viele von euch zu erreichen. Viele Mütter, Eltern, Väter. Vllt sogar auch Bürgermeister, die auf solche Sicherheitslücken noch einmal drauf hingewiesen werden. Eltern, die sich nicht allein fühlen dürfen.

Es war ein vermeidbarer Schicksalsschlag, der jeden hätte treffen können.

Traurig und sinnlos.

Und unvorstellbar schmerzhaft für die Angehörigen. Es gibt nichts schlimmeres, als sein eigenes Kind, sein kleines Kind zu Grabe tragen zu müssen.

Sina erlaubte mir, ihre Geschichte zu veröffentlichen, aber ich möchte nicht nur das ihr wisst was damals passiert ist, ich möchte, dass Phillip so in Erinnerung bleibt, wie er war:

Ein fröhlicher kleiner Junge, ein Sonnenschein, der über alles von seiner Mutter, seinem Vater und seiner Schwester (und seiner gesamten Familie) geliebt wurde. Ein Familienmensch der zuverlässig, fürsorglich und ehrgeizig war.

Metterschlingundmaulwurfn_Phillip (1)

Bevor ihr von Sinas gesamten Schicksal lest, was leider nicht nur bei dem Verlust ihres einzigen Sohnes endete, hat Sina euch etwas zu sagen:
Allen Eltern möchte ich sagen, dass Kinderbekommen und haben immer so ist, als trage man sein Herz außen. Man kann noch so vorsichtig sein, aber keiner ist vor dem Schicksal gefeit. Jeder sollte sich bewusste sein, es kann jeden treffen. Vorwürfe und Beschuldigungen sind das schlimmste für Eltern, die ihr Kind zu Grabe tragen mussten. Der Tod ist die schlimmste Strafe.

Niemand braucht Berührungsängste vor verwaisten Eltern haben. Wir sprechen und erzählen gerne über unser Kind/Kinder. Wenn dann Tränen fließen, ist es das Normalste auf der Welt – schließlich haben wir etwas verloren, was wir schon kannten, bevor es geboren wurde, was unsere Zukunft sein sollte, was wir mit jeder Faser unseres Körpers lieben, bis zu unserem eigenen letzten Atemzug.
Natürlich gehören auch Streit zwischen Mutter und Kind in den Alltag. Das gehört einfach zum Großwerden dazu. Es kann nicht alles rosarot sein. Das Wichtigste ist jedoch, immer zu zeigen: Ich liebe Dich, auch wenn ich mich gerade sehr ärgere. Wir wissen nie wann der letzte Tag kommt.

Damals…
Am 8. Oktober 2002 bin ich zum ersten Mal mit 18 Jahren Mama von meinem Wunschkind geworden und die Schwangerschaft lief ohne jegliche Komplikation. Es war eine tolle Erfahrung. Die Geburt war sehr schnell vorbei und alles war gut. Es war eine schöne Schwangerschaft. Phillip war vom ersten Schrei an ein sehr unkompliziertes und liebes Kind…

Auf den Namen Phillip kam ich ganz spontan nachdem ich bei der Feindiagnostik in Magdeburg erfahren habe, dass ich einen Jungen bekomme. Es war fast der einzige Name, der mir gefiel. Als er geboren wurde, passte der Name wunderbar zu ihm…

Meine Tochter Emily kam am 8. September 2010 zur Welt. Phillip ist zu diesem Zeitpunkt fast 8 Jahre.
Diese Schwangerschaft war sehr anstrengend, weil Ihr Vater mir sehr viel Stress und Kummer bereitet hat. Aber Phillip hat sich gefreut auf seine kleine Schwester.

Phillip war vom ersten Moment an ein sehr stolzer großer Bruder und eine Riesenunterstützung für mich, wenn Emily doch mal weinte oder Langeweile hatte. Wenn er Ruhe haben wollte, zog er sich in sein Zimmer, zu Oma oder zum Spielen nach draußen zurück. Er liebte es, mit ihr zu kuscheln und sie liebt ihn. Er hat immer gesagt: Ich werde Dich immer beschützen. Er sagte aber auch: Nein, Emily darf nicht alles, wenn sie Unsinn machte. Er behandelte sie sehr vorsichtig. Lag oft abends mit ihr in seinem Bett, schaute fern oder las ihr aus Büchern vor. Natürlich wollte er auch seine Ruhe und war genervt, wenn sie einfach in sein Zimmer kam, aber schnell kam wieder der liebe Bruder raus und sie durfte bleiben.
Emily hätte sich keinen besseren Bruder wünschen können.

Der Tag vor dem Tag
Er war mit Freunden spielen, wie so oft, weil ich wusste, ich kann mich auf ihn verlassen, und kam abends pünktlich wie vereinbart um 18:00 Uhr nach Hause. Ich bin nochmal kurz zu einer Freundin von Coswig nach Dessau und fuhr zurück auf dem Nachhauseweg bei MC Donalds vorbei und rief Phillip an ob, er etwas zu essen haben möchte. Ich brachte ihm ein Happy Meal mit, worüber er sich riesig freute. Vor allem über das Spongbob-Spielzeug. Später am Abend lagen wir dann alle beide in meinem Bett (Emily schlief an diesem Wochenende bei Ihrem Vater) und schauten Fernsehen.

Ich fragte Phillip, ob er bei mir im Bett schlafen möchte, aber er verneinte, ging in sein Bett, schaute noch kurz etwas im Fernsehen und sagte: ich schlafe morgen bei Dir ok? Und gab mir einen Gute-Nacht-Kuss…
Hätte ich geahnt, dass es die letzte Nacht mit meinem Jungen ist, hätte ich ihn niemals aus meinem Bett gehen lassen und ihn ganz doll fest gehalten…

Metterschlingundmaulwurfn_Phillip (3)

Der Tag X

Unser Tag, der 12. Januar 2013, begann ganz normal, wie immer. Emily verbrachte ja dieses Wochenende bei ihrem Vater. Ich war somit mit Phillip alleine. Morgens ging ich zum Friseur. Phillip schlief währenddessen aus, machte sich Frühstück und räumte wie versprochen sein Zimmer auf. Als ich nach Hause kam, riefen wir nochmal unsere Familie an, um belangloses zu bereden. Danach fing Phillip an zu fragen, ob er mit seinem Ball und ein paar Freunden draußen spielen dürfte. Ich bejahte das, weil er so schön aufgeräumt hat, aber bevor er ging sollte er noch etwas essen. Ich machte ihm sein Lieblingsessen – Milchreis mit Apfelmus. Er freute sich sehr darüber.

Satt und glücklich nahm er 13:45 Uhr seinen Wilde-Kerle-Rucksack, in dem sich sein Fußball befand. Im Treppenhaus rannte er die Treppe herunter, drehte sich nochmal zu mir und rief: Tschüss Mama, ich liebe Dich. Am Fenster schaute ich ihm nochmal hinterher, bis er um die Ecke verschwunden war…

Den Nachmittag verbrachte ich damit, mich für den Abend zurecht zu machen, weil ich mit meiner besten Freundin weggehen wollte.

Um 16 Uhr stand ich im Schlafzimmer und hörte eine Feuerwehr vorbei rasen. Ich dachte mir nichts dabei. Als ich 10 Minuten später auf dem Weg zum Einkaufen war, entschied ich spontan, eine andere Richtung einzuschlagen. Ich fuhr zum Haus meiner ehemaligen Freundin D., wollte nur schnell einen Kaffee mit ihr trinken. Als ich vor ihrem Haus stand und wartete bis sie kam, fuhr eine weitere Feuerwehr direkt an mir vorbei.

Ich dachte mir: Mensch, hoffentlich ist niemand in diesem furchtbar kalten Winter in die Elbe eingebrochen. Instinktiv wurde ich sehr unruhig. Ich rief Phillip auf dem Handy an, das war jedoch aus, was sehr untypisch für ihn war. Mir wurde Angst und Bange. Ich stieg blitzschnell in mein Auto und fuhr angstüberströmt der Feuerwehr hinterher.

Ich hatte gedacht, sie halten an der Elbe an. Jedoch war das Ziel der Einsatzkräfte der Sportplatz von Coswig mit angrenzendem Skaterplatz und Fußballfeld. Was mich dort erwartete, werde ich niemals vergessen.

Es war das Ende meines alten Lebens…
Es standen zwei Feuerwehrfahrzeuge, ein Rettungswagen und eine kleine Menschentraube dort. Ich stieg aus meinem Wagen und schon kam mir eine Frau entgegen, die sich später als Helfende herausstellte, weil sie die Rettungskräfte alarmierte, und drückte mir mit schrecklich traurigem Gesicht den Wilde-Kerle-Rucksack meines Sohnes in die Hand.

D. war sofort zur Stelle und fing mich auf. Ich stand absolut unter Schock und reagierte nur noch automatisch.

Was war passiert?
Am angrenzenden Fußball- und Skaterplatz befand sich ein Feuerlöschteich, denn man durch den Schnee aber nicht als diesen erkennen konnte. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich keine Ahnung gehabt, dass ein solcher dort existiert. Nichts stand geschrieben. Ich ging zu diesem verdammten, mit Löchern übersäten Zaun und schaute geschockt zu, wie Feuerwehrleute im Schlauchboot mit einer riesigen Metallstange meinen Jungen in diesem Teich von 8 x 8m Breite und 3 Meter Tiefe suchten.

Ich fing an, Phillip zu rufen, weil ich hoffte, er hat sich vielleicht nur versteckt. Ich schrie und weinte, tigerte hin und her. Wollte über den Zaun und in diesen Gott verdammten Teich springen und ihn selbst suchen, rausholen und retten.

Ich wurde zurückgehalten…

Ich fragte immer und immer wieder ob er wirklich dort drin ist und vom Rettungsdienst wurde mir immer wieder die traurige Gewissheit gegeben, dass er mit Freunden Fußball gespielt habe, der Ball landete auf dem Eis und Phillip brach beim Versuch, diesen Ball zu holen, in diesen nicht gefrorenen Teich ein.

Meine Welt stand still.

Meine Gedanken kreisten nur um das eine: Mein Kind ist tot. Das war sein Leben? Warum er? Er kommt nie wieder. Wie sag ich es meiner Familie? Geistesgegenwärtig rief ich meine beste Freundin J. an, die sofort kam, nachdem ich endlich erklären konnte, was los war sowie Phillips Papa, der in Bayern wohnt und sagte ihm, dass unser Junge tot ist. Er schrie und weinte nur am Telefon und war 3 Stunden später in Coswig. Nach ein paar Minuten trafen auch die Eltern von ihm ein.

Die Feuerwehr begann indess, den Teich leerzupumpen. Nach langen und quälenden 90 Minuten des Wartens sah ich Rettungskräfte zu einer bestimmten Stelle am Teich rennen.

Ich fiel in die Arme meiner besten Freundin J., die auch sofort nach meinem Anruf zum Unfallort kam und sah in diesem Moment nicht, wie der Sanitäter meinen leblosen armen Jungen sanft und behutsam in den Rettungswagen trug.

Ich konnte dort nicht hingehen.

Das hätte ich nicht verkraftet.

Phillips Opa ging in den Rettungswagen zu Phillip und war bei ihm. Nach quälenden Minuten, in denen ich ein wenig Hoffnung hatte, kam die Mutter von T. (Phillips Oma) aus der Richtung des Krankenwagens auf mich zu gelaufen und schüttelte weinend den Kopf.

Ich bin nur noch zusammengesackt und wollte sterben.

Der Krankenwagen fuhr dann einfach ohne ein Wort und ohne Sirene fort. Ich wusste garnichts in diesem Moment. Wo bringen sie meinen kleinen Jungen hin? Später erfuhr ich, dass aus Rücksicht auf mich der Rettungswagen still und heimlich wegfuhr, damit ich die Übergabe meines Kindes zum Beerdigungsinstitut nicht mit ansehen muss. Dafür bin ich heute sehr dankbar.
Meine besten Freundinnen J. und D. setzten mich dann ins Auto und wir hatten die schreckliche Aufgabe, es meiner Familie zu sagen. Der erste Weg führte uns nach Dessau, wo sich meine Mutti zu diesem Zeitpunkt bei ihrem Partner befand. Als wir dort ankamen, wusste sie es schon. Meine Oma und Tante hatten sie angerufen, nachdem der Vater von Emily sich die Dreistigkeit herausnahm, es meiner Familie zu sagen. Betrunken kam er zu meiner Familie. Warum er das mit Genuss tat, diese schreckliche Nachricht zu überbringen, haben wir Tage später erfahren. Meine Mutti brach zusammen und wir fuhren zu viert gemeinsam nach Coswig zu dem Rest unserer Familie. D. und J. verabschiedeten sich bis zum nächsten Tag …
Da saßen wir nun am Ende dieses furchtbaren Tages in der Familie zusammen und weinten, weinten, weinten.

Es war nicht zu fassen.

Unsere Familie hat ein riesen Loch das niemals gestopft werden kann…

Die Zeit danach
Es gab sehr viel Anteilnahme in Wort, Brief und Geldzuwendungen. Facebook war übersät mit Beileidsbekundungen. Im Briefkasten fand ich täglich neue Beileidskarten. Für Phillip wurde auch ein Spendenaufruf auf dem Marktplatz in Coswig von Bekannten eingerichtet. Wir fühlten uns zu dem Zeitpunkt nicht alleine.
Leider gab es hinter meinem Rücken auch respektloses, dummes, verachtendes Gerede. Vorwürfe von „Aufsichtspflichtverletzung“ bis hin zu „Ich soll mich nicht so haben“. Dinge, die man nicht braucht in dieser schweren Zeit und auch sonst nicht.
Die Bürgermeisterin von Coswig hatte nicht mal den Schneid und Anstand, meiner Familie und mir persönliches Beileid zu bekunden. Für Phillip hatte sie nicht mal einen Blumenstrauß übrig.
Frühere Bekannte, die uns sonst immer sehr nett entgegenkamen, äußerten keine Reaktion auf Phillips Tod. Das kam mir später sehr komisch vor. Es stellte sich später heraus, dass er der ehemaliger Ordnungsamtmitarbeiter der Stadt Coswig war und somit  Hauptschuldiger,  da er durch seine Unachtsamkeit und Vernachlässigung seiner Arbeit, Zäune auf Schäden zu kontrollieren, den Tod meines Kindes verursacht hat. Er wurde zu einer vierstelligen Geldstrafe verurteilt und verstarb viele Monate später an Herzversagen …

Jeder, der schon einmal einen geliebten Menschen würdevoll beerdigen lassen musste, weiß, wie kostspielig das ist. Alles blieb an unserer Familie hängen. Gott sei Dank hatten wir die vielreichenden Spendengelder um Phillip einen würdevollen Abschied zu ermöglichen. DANKE dafür.
Einige Wochen und Monate später zogen sich viele Leute zurück. Auch Freundschaften endeten. Manche Leute entpuppten sich als falsch und abartig. Selbst eine Bekannte, die sich für die Spendenaktion auf dem Marktplatz für Phillip einsetze, entpuppte sich als niveaulos und dumm. Sie wagte es, mir tatsächlich zu schreiben, nachdem Phillip noch nicht mal 2 Monate tot war: Trauern ist normal, aber irgendwann muss Schluss sein. Das aus dem Mund einer zweifachen Mutter.
Über Facebook habe ich viele verwaiste Eltern kennengelernt, wo ich mich geborgen fühle, Zuspruch finde und merke: Dieses schreckliche Schicksal tragen wir alle gemeinsam.
Warum der Vater von Emily mit Genuss die Todesnachricht meines Sohnes aufnahm, würde ich gerne erklären. Schon seit der Geburt von Emily möchte er mit unfairen Mitteln  das alleinige Sorge und Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Kleine. Er hatte schon zwei Gerichtsverhandlungen angeleiert, die er immer wieder als Verlierer verließ. Phillips Tod war für ihn ein gefundenes Fressen.
Die Beerdigung war vorbei und nun sollte die Zeit der Trauer beginnen. Aber nicht für uns. Stets und ständig stand die Polizei und das Jugendamt vor der Tür, weil Anrufe und Emails eingingen, ich sei mit Emily und allem überfordert. Sie sei in höchster Gefahr. All diese Dinge zogen sich ein Jahr hin. Dann kam der Termin zur Gerichtsverhandlung, wo es darum ging, ob es Emily gut ging und ob ich weiterhin die alleinige Fürsorge trage. Zum dritten Mal ging ihr Vater als Verlierer heraus. Obwohl ich schon die größte Strafe bekommen hatte, dass uns unser geliebter Phillip genommen wurde, habe ich hier gewonnen. Hebe stolz meinen Kopf und danke Phillip jeden Tag für die Kraft, die er mir geschickt hat. Ich frage mich, wie tief muss man sinken, um solche Dinge zu erfinden, solch eine schlimme Situation zu nutzen um jemanden in den Selbstmord treiben zu wollen?!?! Das ist einfach nur armselig.

Wie geht es dir & deiner Tochter heute?
Emily und ich sind 10 Monate nach Phillips Tod nach Roßlau gezogen (16 km von Coswig entfernt). Dort hatten wir sofort Glück, einen Platz in einer Kita zu bekommen und Emily fühlt sie dort sehr wohl. Einige Monate später fand ich dann auch Arbeit und wir sind täglich stolz darauf, dass wir alles gemeistert haben, was oft unmöglich war mit so viel Schmerz im Herzen.
Ich möchte aber nicht verschweigen, dass es eine sehr, sehr schwere Zeit war. Meine Familie und ich musste vieles neu erlernen.

Ob es das Einkaufen war, bestimmte Lieder hören, bestimmte Gerichte kochen, das Lachen, mit Leuten reden und und und.

Alles war einfach schrecklich und schmerzhaft und mit Erinnerungen behaftet die nur schmerzten.

Mir war es völlig egal, im Laden zu stehen und bei Kinder-Pinguis zu weinen, nur weil ich es nicht aushalten konnte, dass Phillip die gerne aß und es nie wieder tun würde.
Unmittelbar nach Phillips Tod fand ich einen Platz bei einer guten Psychologin  in Dessau, die mir sehr gut zur Seite stand. Für Emily fand ich bis heute keinen Therapieplatz – aus Kapazitätsgründen. Das ist traurig, weil gerade Kinderseelen viel Behandlung brauchen. Aber wir bleiben dran.
In unserer neuen Heimatstadt haben wir sehr nette Nachbarn, lernen neue Freunde und Bekannte kennen. Stehen wieder mitten im Leben. Knüpfen Kontakte.

Ich rede auch über Phillip. Emily ebenso. Sie denkt täglich an Ihren Bruder und erzählt auch stolz von ihm.
Natürlich gibt es auch heute noch viele Momente, wenn mir eine Erinnerung in die Hände fällt oder ein Lied im Radio kommt oder ich Bilder sehe, dass ich einfach nur noch weine, bis ich nicht mehr kann. Wenn Emily das mitbekommt, dann drückt sie mich fest und schon ist es ein wenig besser.
Der Zusammenhalt unserer ganzen Familie und meiner besten Freundin J. ist ein rettender Anker von damals bis heute.
Ich lese auch sehr viele Bücher über das Leben nach dem Tod. Der Glaube daran schöpft Hoffnung. Die darf man sich auch niemals nehmen lassen.

Metterschlingundmaulwurfn_Phillip (2)

DANKE
Bedanken möchte ich mich bei:
*meiner Familie für den riesigen Zusammenhalt und die Unterstützung in allen Lebenslagen und dass Phillip
eine wunderbare Kindheit hatte. Ich hab euch lieb♥
*Bei meiner besten Freundin Jana  für fast 13 Jahre Freundschaft ohne Streit. Unser
Zusammenhalt ist einzigartig und das beste Beispiel für eine beste Freundschaft. Ich liebe Dich ♥
*bei meinem kompetenten und menschlichen Rechtsanwalt, der sich für uns aus freien Stücken
einsetzte, weil er selber Papa ist. Vielen Dank!!!
*bei meiner Psychologin für kostbare Therapiestunden. Vielen Dank!!!

Es gibt noch so einige Menschen, die Dank verdient haben. Diese möchte ich einfach zusammenfassen, indem ich sage:

Danke an alle, die uns in den schlimmen Stunden zur Seite standen, die Phillip die letzte Ehre würdevoll erwiesen haben und die uns danach aufgefangen haben.

Natürlich möchte ich auch der Kategorie Mensch danken, die mir das Leben zur Hölle gemacht haben. Ohne euch wüsste ich nicht, wie viel Kraft in mir steckt und was ich aushalten kann.


Liebe Sina,

vielen Dank für dieses Interview, die offenen Worte und deine Stärke dich dem zustellen. Ich wünsche euch weiterhin alle Kraft der Welt, auch wenn nichs diesen Schmerz lindern könnte, sollst du wissen, ihr seid nicht allein.


 

 

 

Wer eine Kerze für Phillip anzünden möchte, kann das sehr gerne HIER tun.

Berichte von damals:     Bild           MZ

 

Danke für die wunderschönen Bilder, die Alin von LINIS extra für diesen Beitrag erstellt hat <3




7 Gedanken zu „Wenn Schutzengel Pause machen – die Geschichte von Phillip

  1. Mir laufen Tränen, und ich krieg mich gar nicht mehr ein, selbst Mama von 3 Nervzwergen, ich glaube kaum das es etwas schlimmeres geben kann als ein Kind zu verlieren. Viel Kraft, Geduld, gute Freunde und Familie die zu euch hält. Unfassbar was man alles aushalten und meistern kann.

  2. Hallo, ich bin durch Linis auf diesen Text aufmerksam geworden und dachte zunächst etwas skeptisch: „was kommt denn da?“ aber dann sind bei mir auch alle Dämme gebrochen. Ich habe zwar noch nie ein Kind verloren, aber eine Schwester. Ich fühle mit Emily und hoffe, dass sie bald einen sehr, sehr, sehr guten Therapieplatz bekommt. Der Verlust eines Geschwisters, gerade wenn er von Anfang an da ist, kann unfassbar schwer sein und das komplette Leben beeinflussen, wenn man nicht weiß, wie man richtig damit umgehen muss.
    Ich habe Jahre lang nicht gewusst, wie es kommen konnte, dass ich das unbeschreibbare Gefühl hatte, jemanden so wahnsinnig zu vermissen (ohne dass ich genau wusste, wen ich vermisste). Das schreckliche Gefühl, irgendwie allein gelassen worden zu sein und, was noch viel schlimmer wiegen kann, eine (unbegründete) Schuld des Überlebenden. – Dieses unterbewusste und irrationale Schuldgefühl, kann einem Jahre lang (vielleicht auch ein Leben lang) jegliche Freude im Leben nehmen. Und das schlimme: Wenn man es nicht angeht, kann es sich immer weiter hoch schaukeln. Das Unterbewusstsein ist ein harter Gegner in diesem Kampf und man sollte sich so schnell wie möglich Hilfe holen, die einem beisteht und einem dieses Schuldgefühl wieder aus dem Kopf pflücken kann.

    Ich selbst habe nie an dieses Schuldgefühl und das alles geglaubt. Ich habe auch nie an Therapeuten oder Coaches geglaubt… und bin doch so froh, dass ich inzwischen einen Coach habe, der genau das mit mir angeht (und ich bin jetzt schon 29!). Vermutlich wird so ein Coaching viel mehr bringen, wenn man es schon viel viel früher macht. – Wenn du fragen zu dem Thema hast, kannst du dich gerne per Mail oder Facebook bei mir melden.

    So ein Coaching ist sehr, sehr tränenreich. Das nur als Warnung. Aber es muss so sein. Es ist emotional hart, anstrengend, man will nach dem dritten Mal nicht mehr hin, weil man weiß, dass man heulen wird… aber hinterher fühlt man sich wie sauber gewaschen und es verändert die Art zu denken. Wenn es gut greift, dann verändert und heilt es auch das Unterbewusstsein und das ist das allerwichtigste.

    Hab eine gute Zeit,
    Julia

  3. Pingback: Das wertvollste im Leben, was man verschenken kann – Metterschling und Maulwurfn – Familienblog
  4. Ich bin nicht jemand der viele Kommentare hinterlässt, aber ich sitze hier und weine laut – es ist so unvorstellbar traurig und ungerecht, warum so junge Menschen aus dem Leben scheiden müssen. Ich drücke dich unbekannterweise und wünsche dir und Emily ganz ganz viel Kraft, Sina!

    Liebe Grüße,

    Tine

  5. Ich habe während diesen Artikels langsam Tränen vergossen die immer stärker wurden. Ich bin selber Mutter und fühle mit dir mit .
    Ich habe keine grossen Worte .
    Ich glaube auch an leben nach dem Tod und ich wünsche dir viel viel kraft für dein ganzes leben

  6. Ich habe selbst mein 2.Kind 2013 verloren. Sie ging in meinen Armen von mir.Die Welt bleibt szehen.Ich fühle mit Dir und ich wünsche dir und deiner Tochter und Familie viel Kraft dieses schwere Päckchen, was Dich-euch dein Leben begleiten wird,zu tragen.Wenn man sein Kind verliert geht ein Stück von einem selbst mit.Alles ändert sich..man selbst wird nie wieder so wie man mal War. Die Kraft zum Leben geben ein Kinder die noch da sind Familie und Freunde die nie aufhören da zu sein und ein immer und immer wieder auffangen.Diese dummen und nutzlosen unüberlegten Kommentare und Handlungen von manchen Menschen sind einfach nur widerlich.Hört auf zu Klugscheißern und hört auf zu Urteilen…denn ihr wisst garnichts.

    Phillip wird sehr stolz auf seine Mama und Schwester und Familie runter sehen und immer da sein.

    Irgendwann sind wir mit unseren Kindern wieder zusammen und brauchen sie nie wieder loslassen aber bis dahin leben wir hier..mit ihnen im Herzen und sind dankbar für jeden Tag auf dieser Welt.

  7. Mir laufen die Tränen. Es ist schrecklich, unnötig und sinnlos. Vor kurzem wäre dasselbe beinahe zwei Kindern im Nachbarort passiert, auf einem See… Ich wünsche euch viel Kraft, lasst euch von dummen Kommentaren nicht runterziehen, bleibt stark! Fest gedrückt, unbekannterweise!

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